“Wir müssen die Angst vor sensiblen Themen verlieren.“

Emilio Reynoso, Journalist aus Mexiko, absolviert derzeit sein Volontariat bei der DW. Mit der DW Akademie sprach er über seine Erfahrung mit Barrierefreiheit und Inklusion und den Kampf gegen Stereotype.

DW 2026 | WM 2026 in Mexiko | Volontär Emilio Reynoso bei der Berichterstattung
Bild: DW

Emilio Reynoso wurde als Sohn zweier renommierter Journalisten in Mexiko geboren und hatte eigentlich nie vor, in ihre beruflichen Fußstapfen zu treten. Ein Umweg brachte ihn trotzdem zum Journalismus – inzwischen produziert Reynoso Social-Media Beiträgeund Dokumentationen für die DW. Im Interview mit der DW Akademie spricht er über Hindernisse und Zukunftsperspektiven, den Umgang mit Stereotypen, und darüber, wie sich der Journalismus im Bereich Inklusion entwickelt hat.  

Wie bist Du zum Journalismus gekommen? 

Journalist zu werden war nie mein Plan. Meine Leidenschaft ist es, Geschichten zu erzählen, eigentlich wollte ich immer Filme machen. Erst als ich mich näher mit dem Thema Dokumentarfilm auseinandergesetzt habe, wurde mir bewusst, dass die meisten bekannten Dokumentarfilmer einen Hintergrund im Journalismus haben. Das war der Punkt, an dem ich mich bewusst für den Journalismus entschieden habe. 

Angefangen habe ich 2018 während meines Studiums, damals habe ich für eine mexikanische Zeitung ein kleines Format über Filme geschrieben. Später fiel mir auf, dass es in dem Ort, wo ich lebte, nur sehr wenige unabhängige Informationsquellen gibt, also habe ich ein kleines Netzwerk unabhängiger Journalisten aufgebaut. Das war eine große Herausforderung, vor allem finanziell, da solche Projekte eigentlich einen Sponsor brauchen.  

Nachdem Du schon eine Weile als Journalist in Mexiko gearbeitet hast, hast Du ein Volontariat bei der DW begonnen. Wie kam es zu dieser Entscheidung? 

Viel Erfahrung bedeutet nicht, dass man nichts mehr dazulernen kann. Als der ehemalige Intendant der DW, Peter Limbourg, auf einer Reise durch Mexiko über das Volontariat gesprochen hat, war ich sofort fasziniert. Zu diesem Zeitpunkt war es für mich als Journalist in Mexiko nicht leicht, Arbeitsverträge zu bekommen. Es gibt dort immer noch viele Vorurteile gegenüber Journalisten mit Behinderung. Das Volontariat bot mir einen Neustart - nicht nur für meine Karriere, sondern auch für mich persönlich: Ich musste in ein neues Land umziehen und nochmal bei null anfangen. Das klang spannend, mir gefiel die Herausforderung.  

In Deiner Arbeit beschäftigst Du dich oft mit Themen wie Barrierefreiheit und Inklusion. Inwiefern ist Deine eigene Behinderung Teil Deiner Identität als Journalist? 

Ich wurde nicht mit einer Behinderung geboren - sie ist das Resultat einer Operation wegen einer angeborenen Erkrankung. Die Ärzte haben mir dabei das Leben gerettet, aber ich habe einen Rückenmarksinfarkt erlitten und nutze seitdem einen Rollstuhl. Als das passiert ist, stand ich vor vielen Fragen. Plötzlich musste ich meinen Körper wieder neu kennen lernen, und die Art und Weise, wie ich mich fortbewege. Die Erfahrungswelt der Menschen mit Behinderung hat viele Facetten, und ich brauchte vor allem Antworten. Das Erste, was mir dazu einfiel, war ein Interview mit einer Person mit Behinderung zu führen und einen Dokumentarfilm zu machen. Die Doku hat einige Preise bei unabhängigen Filmfestivals gewonnen, daraufhin habe ich eine Serie produziert.  

Es hat alles damit angefangen, dass ich Antworten auf meine eigenen Fragen gesucht habe, irgendwann habe ich dann auch Fragen der Community in Mexiko aufgegriffen und ihnen dabei geholfen, ihre eigenen Antworten zu finden.

Für die DW bist Du kurz vor Beginn der FIFA-WM nach Mexiko gereist. In einem Deiner Beiträge hast Du über die Barrierefreiheit der Stadien berichtet. Was hast Du dabei gelernt? 

Ich bin für eine Woche nach Mexiko gereist, um dort meine Kolleginnen und Kollegen bei der Vorbereitung der WM-Berichterstattung zu unterstützen. Dabei entstand die Idee, einen Beitrag darüber zu machen, wie ich auf dem Weg zum Stadion nur öffentliche Verkehrsmittel nutze. 

Seit ich in Deutschland lebe, bin ich täglich mit Bus und Bahn unterwegs, in Mexiko habe ich das vorher nie gemacht. Also wollte ich herausfinden, wie es funktioniert, von meinem Zuhause bis zum Stadion zu fahren, eine Strecke, die viele während der WM gefahren sind. Im Video zeige ich, dass es ziemlich kompliziert war, obwohl die Regierung und die FIFA vorher damit geworben haben, dass es die Barriere freiste WM bisher sein sollte. Ich fand sie nicht sonderlich barrierefrei.   

Du berichtest häufiger zu Inklusionsthemen. Siehst Du dich als Aktivist oder als Sprecher für Menschen mit Behinderung?

Ich sehe mich selbst nicht Aktivist, einfach aus dem Grund, dass ich nicht finde, dass ich ein Experte in diesem Bereich bin. Ich kenne einige Aktivistinnen und Aktivisten und sie sind brillant. Aber als Journalist musst du dich neutral verhalten, während sich Aktivisten von ihrer Leidenschaft mitreißen lassen können. Natürlich kann das herausfordernd sein, das Thema ist persönlich sehr wichtig für mich.

Aber in meiner Rolle als Journalist sehe ich mich eher als Instanz in der Mitte, die Themen verknüpft und verschiedene Perspektiven aufzeigt. Dabei versuche ich, so objektiv wie möglich zu bleiben. Dafür sorgen auch meine Kolleginnen und Kollegen, die Berichte auf ihre Perspektive prüfen und sicherstellen, dass es nicht zu persönlich oder einseitig wird.   

Welche Verantwortung tragen Journalistinnen und Journalisten bei der Berichterstattung über das Thema Behinderung? 

Ich denke, die wichtigste Verantwortung ist es, bewusst und respektvoll zu berichten und nicht die alten Fehler zu wiederholen, die wir alle schon gemacht haben: eine Geschichte zu sensationalisieren, sogenannte „Inspirationspornografie“ zu praktizieren, die Behinderung einseitig oder als Quelle von Inspiration darzustellen.  

Was wir stattdessen brauchen, ist der Fokus auf die Rahmenhandlung, Fragen wie “was ist passiert?”, “was ist der soziale Kontext?” und “wer ist die Person, um die es geht?”. Die Behinderung sollte nur am Rande eine Rolle spielen. Schau nicht zuerst auf den Rollstuhl, schau auf den Menschen, über den du berichtest. 

Ich denke wir alle müssen auch die Angst vor sensiblen Themen verlieren. Wir müssen sie offen ansprechen. Wenn wir das nicht tun, werden wir zum Teil des Problems.

Würdest Du sagen, dass der journalistische Beruf in den letzten Jahren inklusiver geworden ist? 

Ich denke schon. Es gibt deutlich mehr diverse Geschichten über das Thema, außerdem gibt es mehr Journalistinnen und Journalisten mit Behinderung, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Früher hast du eher die Person im Rollstuhl gesehen, die über den kaputten Aufzug schimpft. Heute siehst du vielleicht auch den Reporter, der kritische Fragen dazu stellt.  

Mit Blick auf Deine eigene Karriere, was möchtest Du in den nächsten Jahren erreichen? 

Ich denke, ich bin gerade auf dem richtigen Weg, meine Fähigkeiten zu erweitern und zu lernen, wie ich in diesem Berufsfeld bestehen kann, egal, wie sich die Medienlandschaft in den nächsten Jahren verändern wird.