Verstärkt Fact-Checking das Misstrauen in die Medien?

Rachel Baig ist Journalistin und Medientrainerin bei der DW und der DW Akademie. Sie ist Gründungsmitglied des Fact-Checking-Teams der DW und seit 2024 dessen stellvertretende Leiterin. Sie ist Multimedia-Journalistin und Redakteurin sowie Moderatorin des Fact-Checking-Formats des Teams. Seit dem 1. April 2026 leitet sie DW Urdu.
DW Akademie: Die Menge an Fakes und Falschinformationen, die im Internet kursiert, ist unüberschaubar. Wie wählen Sie bei der DW die Geschichten aus?
Rachel Baig: Bei der DW arbeiten wir mit vier Entscheidungskriterien. Wichtig ist für uns, dass wir nicht eine Geschichte größer machen oder einem Thema Raum geben, das gar nicht relevant ist. Deshalb prüfen wir zuerst, ob das Thema schon viral ist, sei es durch viele Klicks oder öffentliche Diskussionen.
Zweitens sollte die Geschichte nicht nur eine bestimmte Plattform oder Sprache berühren, sondern für ein breites Publikum interessant sein, deshalb funktionieren Themen gut, die Menschen in mehreren Regionen gleichzeitig betreffen, wie die Corona-Pandemie, die Kriege in Gaza und der Ukraine, oder das Hantavirus.
Der dritte Punkt ist, dass es zu den DW-Standards passen muss und wir keine Trash- oder Lifestyle-Topics nehmen. Und viertens muss das Thema verifizierbar sein. Also keine Zukunftsprognosen und auch nicht die ganz großen Verschwörungstheorien. Wichtig ist, dass wir bei dem Thema einzelne Aspekte prüfen können.
Nach dem großen Fact-Checking Hype gab es Anfang 2025 eine Ernüchterung, viele große Tech-Plattformen haben ihre Fact-Checking-Programme eingestellt. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?
Ich würde sagen, für uns war es ein Blessing in Disguise (DE: Glück im Unglück). Sicher, es gibt jetzt weniger Geld, und das ist tragisch, aber es hat dazu geführt, dass die verbliebenen Fact-Checking-Organisationen viel enger zusammengerückt sind. Vorher war es eher eine Art Ellbogengesellschaft, es ging darum wer publiziert zuerst, wessen Name steht oben.
Heute kollaborieren wir mit dem ARD-Faktencheck-Netzwerk und haben einen gemeinsamen Info-Kanal. Wir arbeiten auch eng mit der European Broadcasting Union (EBU) zusammen und tauschen uns im Prinzip täglich über Themen aus: Wer macht welche Story? Können wir irgendwo zusammenarbeiten? Wir nutzen unsere Kapazitäten und unsere Expertise gemeinsam jetzt viel besser aus.
Wie schauen Sie als Fact-Checkerin auf das Thema KI mit seinen Chancen und Risiken? In welche Richtung schlägt das Pendel?
Es ist ein ständiges Hin und Her. Leider schlägt es derzeit ins Negative, denn die Tools, die wir haben, sind nicht annähernd so gut wie die Instrumente zur Erzeugung von Fakes. Allerdings ist es auch eine gute Herausforderung, sich ständig selbst auf dem neusten Stand zu halten. Wir testen selbst KI-Produktionstools, um Muster bei Fakes besser zu erkennen. Und auch hier hilft uns der Austausch mit anderen Expertinnen und Experten, zum Beispiel mit dem International Fact Checking Network (IFCN). Wir arbeiten auch mit dem Fraunhofer Institut zusammen und testen deren Tools für sie.
Für mich ist KI auch Segen, weil es unsere Arbeit massiv erleichtert hat, schneller und effektiver macht, aber man muss sich immer bewusst machen, dass KI nicht den Menschen ersetzen kann, gerade beim Fact-Checking. Wir wissen, dass sie mit russischer Desinformation gefüttert wird, aus China, den USA, Indien oder Pakistan. Es gibt viele Interessen, die KI so zu beeinflussen, dass bestimmte Ergebnisse herauskommen, und das muss man wissen.
Kritiker sagen, dass Fact-Checking allgemein zum Misstrauen in Medien beiträgt – und damit den Falschen in die Hände spielt. Wie gehen Sie damit um?
In der Praxis erleben wir tatsächlich eher das Gegenteil. Ich arbeite seit fünf Jahren in diesem Bereich und auch jetzt als Leitung von DW Urdu baue ich dort das Fact-Checking-Format auf. Wir kennzeichnen unsere Beiträge direkt im Titel, um zu zeigen, dass es sich um einen Faktencheck handelt. Denn wir haben gemerkt, dass die Menschen diesem Format anders vertrauen als einem regulären Nachrichtenbeitrag.
Bei den Faktenchecks fügen wir jede Quelle als Hyperlink ein, auch im Video blenden wir die Quellen ein. So kann jeder nachvollziehen, wo wir die Informationen herhaben. Wir machen sehr transparent, wer unsere Interviewpartner sind, dabei achten wir stark auf Diversität. Bei uns hat das Fact-Checking also eher dabei geholfen, Vertrauen beim Publikum aufzubauen. Das merken wir auch, wenn wir auf Konferenzen unterwegs sind oder von Schulen oder Universitäten für Workshops angefragt werden.
Zudem verfolgen wir einen Zwei-Routen-Fahrplan. Eine Route ist der Faktencheck, die zweite der Aufbau von Medienkompetenz. Wir geben den Menschen Werkzeuge an die Hand, um sich zu schützen. Vor etwa zwei Monaten haben wir zum Beispiel gemerkt, dass es plötzlich überall süße, KI generierte Tier-Videos gab, mit Haustieren, die Trampolin springen, auf den ersten Blick ganz harmlos. Das Problem dabei ist aber, dass es sich um eine Art von Grooming handelt, also unschuldige KI, die man einfach so konsumiert. Wenn dann an einer anderen Stelle KI eingesetzt wird, sind die User so daran gewöhnt, KI-Inhalte zu konsumieren, dass sie das nicht mehr kritisch finden. Und genau das ist das Gefährliche. Themen wie KI-Grooming greifen wir auf und erklären, warum das problematisch ist.
Wir wollen eben nicht nur sagen: „Hier sind die Falschinformationen, wir haben sie für euch aufgedeckt.“ Sondern zeigen, wo es die Menschen in ihrem Alltag betrifft, ihnen Wissen vermitteln, damit sie selbst zu Multiplikatoren von Fact-Checking werden.
Was ist derzeit die größte Herausforderung für den Bereich Fact-Checking?
Das Wichtigste im Moment ist die Finanzierung. Aktuell ist die Lage nicht gut für die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten allgemein – und Spezialteams sind oft als erste von Kürzungen betroffen. Auch in Deutschland gibt es hier eine gefährliche Entwicklung, und wir müssen noch mehr Aufmerksamkeit darauf lenken, wie sehr der Berufsjournalismus und damit auch das Fact-Checking in Gefahr ist. Wenn wir unsere Arbeit nicht machen, gewinnt Desinformation die Überhand. Daher sollte man auch als User aktiv schauen, wie kann ich helfen? Aber auch die Politik muss schauen, was ist in anderen Ländern schon passiert und wie können wir das hier verhindern?
Wie sieht es mit Angriffen auf Fact-Checker aus? Und wie schützten Sie sich?
Was wir auf jeden Fall merken ist, dass wir unter bestimmten Beiträgen, zum Beispiel zu russischer Desinformation, massiv von Trollen angegriffen werden. Manchmal beschäftigen Beschwerden auch unser Team aus Juristinnen und Juristen. Aber auf persönlicher Ebene haben wir Gott sei Dank bisher wenige Angriffe erfahren. Natürlich treffen wir Vorkehrungen, nutzen Postfächer statt personalisierter Accounts und stellen uns Fragen: Wie trete ich im Netz auf und wie sollte ich mich und mein Umfeld schützen?
Wie wird sich der Bereich Fact-Checking in Zukunft entwickeln – und auf welche Herausforderungen stellen Sie sich ein?
KI wird ein Thema bleiben, einfach weil die Menschen jetzt bei allen Fragen KI-Chatbots nutzen, selbst wenn sie Fakten checken wollen. Deswegen ist unsere Aufklärungsarbeit so wichtig: Wir müssen den Leuten vermitteln, was eine vertrauenswürdige Quelle ist, dass man immer mehrere Quellen braucht, und dass KI-Chatbots manipulieren, weil sie dementsprechend gefüttert werden.
Ich glaube nicht, dass unsere Arbeit durch KI ersetzt werden wird, denn die KI kann viele Dinge nicht: die Überprüfung von Fakten, das kritische Durchlesen und das präzise Auswerten von Daten. Ich glaube, der große Trend, den ich als Trainerin und auch als Journalistin sehe ist, dass viele Nachrichtenorganisationen in verschiedenen Ländern mittlerweile auf Faktenchecks setzen, aber nicht als separate Einheit. Desinformation verseucht inzwischen jeden Bereich, sei es Sport, Umwelt, News. Und man kann schnell Opfer von Desinformation werden, auch als Journalistin oder Journalist, weil mittlerweile auch KI-generiertes Material, Bilder und Videos, aktiv an Medien und auch Agenturen geliefert wird. Das heißt auch diese Leute müssen befähigt werden, so etwas zu untersuchen und zu hinterfragen. Deswegen denke ich mir, dass der große Trend ist, dass flächendeckend Fact-Checking und Analysen relevant werden und nicht nur einzelne Units in Nachrichtenorganisationen.
Auf dem diesjährigen Global Media Forum in Bonn am 23. und 24. Junispricht Rachel Baig auf dem Podium zu „Fact-Checking unter Druck: Wie lassen sich Vertrauen und Widerstandsfähigkeit in einer postfaktischen, polarisierten Welt aufbauen?"


