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Die Eigentliche Welt

Oder: Jargon der Eigentlichkeit

Unsere Sprache ist voll von Metaphern. Zack, da war schon die erste: Sprache als bis zum Rand gefülltes Gefäß, in dem Metaphern schwappen. Abgefahren! Zack, die nächste! Verzeihung, ich kriege keinen Satz ohne Metaphern heraus!

Wir können gar nicht anders, als ständig uneigentlich zu sprechen. Unser Wortschatz geht zurück auf konkrete Dinge und Tätigkeiten, die sich seit der Sesshaftwerdung des Menschen nicht groß verändert haben [citation needed]: Essen & Trinken, Legen & Liegen, Sitzen & Stellen, Jagen & Tragen, Pflücken & Bücken, Haus & Boot, Pferd & Auto (naja). Neue Wörter werden oft metaphorisch gebildet, aber nicht mehr als Metaphern wahrgenommen.

Im Gegensatz zu Erwachsenen fällt Kindern metaphorisches Sprechen noch auf. Sie verstehen erst einmal alles wörtlich und haben später noch großen Spaß dabei, alles wörtlich zu nehmen. Erwachsenen hingegen bleibt davon nur übrig, sich über Memes wie »Darmok und Jalad auf Tanagra« zu amüsieren. Verrückte Welt!

Oft bricht die Metapher etwas Abstraktes auf etwas Konkretes, Alltägliches herunter. Meinetwegen, wir sind nun einmal Material Girls. Doch über Metaphern und metaphorische Redewendungen schwingen wir uns in Sphären auf, in denen wir nichts zu suchen haben!

Wir nutzen Sprachbilder, deren wörtliche Bedeutung uns aus eigener Anschauung gar nicht bekannt. Ist das nicht frech?!

Wir sagen »sein_ihr Waterloo erleben«, selbst wenn wir nicht einmal »gedient« haben, geschweige denn französischer Kaiser sind. Welch Anmaßung!

Stellen wir uns eine Welt vor, in der Menschen Metaphern nur dann verwenden dürfen, wenn sie die wörtliche Bedeutung, die Bildebene selbst erfahren, selbst erlebt haben.

Die Nutzung der Metapher offenbart dann nicht nur Bildung, Herkunft, rhetorische Fähigkeiten, Humor usw., sondern tatsächliche Lebenserfahrung, im Guten wie im Schlechten. Somit wird Sprache noch stärker Selbstauskunft, als sie es schon ist.

Ein Beispiel: »Jemanden an die Kandare nehmen« darf nur sagen, wer jemanden buchstäblich an die Kandare genommen hat – ein Pferd gilt auch, daher stammt das Bild – oder an die Kandare genommen wurde. »Endlich Land sehen« darf nur sagen, wer nach einer Hochseefahrt wieder Land gesehen hat.

Ist diese Vorstellung nun erschreckend oder erstrebenswert? Mal dieses, mal jenes, mal beides! Zum Glück wird in diesem Sprachexperiment niemand verletzt.

Stellen wir uns ferner vor, dass in dieser fiktiven Welt Menschen danach streben, die Bildebene zu erleben, um gewisse Metaphern verwenden zu dürfen. Oder sie zu vermeiden suchen.

Niemand möchte ein Waterloo im Wortsinne einer vernichtenden Schlacht erleben, aber wer eine solche erlebt hat und die Metapher also verwenden darf, jagt damit den Zuhörenden Schrecken und Ehrfurcht ein.

Manche Metaphern sind einfach, manche schwierig »freizuschalten«. »Jemanden an die Kandare nehmen« ist relativ einfach und ungefährlich. Ein Besuch auf einem Reiterhof reicht vermutlich aus. Ansonsten fragen Sie halt eine vertraute Person.

Wer »endlich Land sehen« sagen möchte, muss schon die Resourcen für eine Hochseefahrt aufbringen können. Früher ein lebensgefährliches Abenteuer, heutzutage auf einem Kreuzfahrtschiff eine Frage des Geldes, des Selbstverständnisses und womöglich des Durchhaltevermögens.

Hier werden Metaphern gesammelt und erörtert hinsichtlich der Fragen: Würden Menschen in der fiktiven Welt danach streben, sie zu benutzen? Lohnt es sich, die Bildebene am eigenen Leib zu erfahren? Welcher Aufwand ist nötig?

Was darf man überhaupt noch sagen?